Das intuitive Greifen zur Eiswürfel-Flasche – und was dann passiert
Die Situation kennt fast jeder: Draußen sind es über 35 Grad, die Luft steht, und der erste Griff gilt der Flasche aus dem Tiefkühlfach oder dem Glas voller Eiswürfel. Der erste Schluck eiskaltes Wasser fühlt sich im Moment wie sofortige Erfrischung an – eine fast physische Erleichterung, die sich vom Hals bis in den Bauch zieht. Dieses instinktive Greifen nach dem Kältesten, was verfügbar ist, ist völlig verständlich.
Doch das Hitzeempfinden täuscht in diesem Moment. Was sich nach Kühlung anfühlt, ist zunächst nur eine lokale Empfindung im Mund- und Rachenraum. Was danach im Körper passiert, ist eine andere Geschichte – und die gibt Anlass, den Reflex nach der Eiswürfel-Flasche zumindest zu hinterfragen.
Was im Körper passiert, wenn eiskalte Flüssigkeit ankommt
Unser Körper ist ein ausgeklügeltes Thermoreguliersystem. Er hält die Körperkerntemperatur unter normalen Umständen auf rund 37 Grad Celsius – und reagiert auf jede Abweichung mit Gegenmaßnahmen. Genau das wird zum Problem, wenn bei Hitze eiskaltes Wasser getrunken wird.
Vasokonstriktion: Blutgefäße ziehen sich zusammen
Kommt eiskalte Flüssigkeit in den Magen, registriert der Körper einen lokalen Kältereiz und reagiert reflexartig mit Vasokonstriktion – die Blutgefäße in der Nähe des Magen-Darm-Trakts verengen sich. Das ist zunächst eine Schutzreaktion. Die Konsequenz: Die Durchblutung der Hautoberfläche, über die der Körper normalerweise Wärme abgibt, kann sich vorübergehend verringern. Weniger Blut an der Oberfläche bedeutet weniger Wärmeabgabe nach außen – das Gegenteil von dem, was der Körper bei großer Hitze eigentlich braucht.
Stoffwechsel springt an – und produziert Wärme
Gleichzeitig muss der Körper die eiskalte Flüssigkeit auf Körpertemperatur erwärmen. Das kostet Energie – und Stoffwechselaktivierung erzeugt ihrerseits Körperwärme. Wie Spektrum der Wissenschaft in einem vielzitierten Beitrag über kalte Getränke bei Hitze erläutert, ist der Nettokälteffekt eines Glases Eiswasser auf die Körperkerntemperatur physiologisch betrachtet minimal. Der Körper kompensiert den Kältereiz, bevor er sich merklich auswirken kann.
Minimale Absenkung der Kerntemperatur
Studien, auf die sich unter anderem Öko-Test in seiner Auswertung zu warmen und kalten Getränken bei Hitze (2024) bezieht, zeigen: Ein einzelnes Glas Eiswasser senkt die Körperkerntemperatur um einen kaum messbaren Bruchteil eines Grades. Zum Vergleich: Um die Kerntemperatur bei einer Hitzewelle spürbar zu senken, bräuchte es eine Menge eiskalter Flüssigkeit, die weit jenseits des komfortablen Trinkverhaltens liegt. Der gefühlte Kühleffekt ist also primär psychologischer Natur – ein angenehmer Kältereiz im Mund, der wenig über das Wohlbefinden des Gesamtsystems aussagt.
Warum kühle bis lauwarme Getränke effektiver kühlen
Wenn eiskaltes Wasser die Kerntemperatur kaum beeinflusst – was funktioniert dann besser? Die Antwort liegt in einem Mechanismus, den unser Körper ohnehin beherrscht: dem Schwitzen.
Die optimale Trinktemperatur laut Ernährungsexperten
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt bei Hitze, auf kühle bis zimmertemperierte Getränke zu setzen – also Flüssigkeiten zwischen etwa 14 und 22 Grad Celsius. Der Grund ist physiologisch schlüssig: Kühle, aber nicht eiskalte Getränke lösen keine starke Vasokonstriktion aus und regen dennoch die Schweißproduktion an. Schweiß verdunstet auf der Haut – und genau dieser Verdunstungsprozess entzieht dem Körper Wärme. Diesen Effekt nennt man Verdunstungskälte, und er ist der effektivste natürliche Kühlmechanismus des menschlichen Körpers.
Mit eiskalten Getränken kann man diesen Prozess sogar kurzfristig bremsen: Der Körper drosselt die Schweißdrüsenaktivität als Reaktion auf den Kältereiz, was in der Summe weniger Verdunstungskühlung bedeutet.
Was warme Länder schon lange wissen
Es ist kein Zufall, dass in vielen der heißesten Regionen der Welt – von Nordafrika über den Nahen Osten bis nach Indien – traditionell heißer Tee getrunken wird, selbst im Hochsommer. Was zunächst paradox wirkt, lässt sich physiologisch erklären: Ein warmes Getränk erhöht die Körpertemperatur minimal, regt damit die Schweißproduktion stärker an und erzeugt über die Verdunstungskälte eine effektivere Gesamtkühlung als ein Glas Eiswasser. Voraussetzung ist allerdings, dass der Schweiß tatsächlich verdunsten kann – bei sehr hoher Luftfeuchtigkeit funktioniert dieser Mechanismus entsprechend weniger gut.
Diese Tradition ist kein Aberglauben, sondern gelebte, empirisch gewachsene Thermoregulation. Sie bestätigt, was die moderne Ernährungsphysiologie inzwischen mit Studien untermauert.
Mögliche Nebenwirkungen von zu kaltem Trinken bei Hitze
Eiskaltes Wasser ist bei Hitze nicht pauschal gefährlich – das wäre eine Übertreibung, die die Quellen nicht decken. Es kann aber zu konkreten Beschwerden führen, besonders wenn man schnell und in großen Mengen trinkt.
Häufig genannt werden Magenkrämpfe: Die plötzliche Kälte im Magen-Darm-Trakt kann die Magenmuskulatur kurz verkrampfen lassen, was unangenehme Schmerzen verursacht. Wer erhitzt und mit beschleunigtem Kreislauf trinkt, belastet den Blutkreislauf zusätzlich, weil der Körper gleichzeitig mit der Hitzeregulation und der Erwärmung der Flüssigkeit beschäftigt ist. Verdauungsbeschwerden wie Übelkeit oder ein Völlegefühl treten vor allem dann auf, wenn eiskaltes Wasser zu schnell getrunken wird.
Ein echter „Kälteschock“ des Kreislaufs ist beim normalen Trinken selten – das Risiko besteht eher, wenn man sich direkt nach körperlicher Anstrengung bei extremer Hitze eine große Menge eiskaltes Wasser gönnt. In solchen Situationen ist etwas Vorsicht tatsächlich angebracht.
Praktische Empfehlungen: So trinkst du bei Hitze wirklich klug
Die gute Nachricht: Kühles Trinken bei Hitze ist nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Es kommt auf Temperatur, Getränkewahl und Trinkverhalten an.
Welche Getränke bei Hitze helfen
Wasser bleibt das Getränk der Wahl – am besten bei Zimmertemperatur oder leicht gekühlt. Wer viel schwitzt, verliert nicht nur Flüssigkeit, sondern auch Mineralstoffe. In diesem Fall sind Getränke mit Elektrolyten sinnvoll, etwa stilles Mineralwasser mit etwas Natrium oder selbst gemachte Elektrolytlösungen. Ungesüßte Kräutertees – lauwarm oder auf Raumtemperatur abgekühlt – ergänzen die Flüssigkeitszufuhr ohne Zusatzstoffe.
Eine regelmäßige Trinkroutine ist wichtiger als die Temperatur: Wer erst trinkt, wenn er Durst hat, ist auf einem Hitzetag bereits leicht dehydriert. Die DGE empfiehlt, die Flüssigkeitszufuhr an heißen Tagen auf mindestens 1,5 bis 2 Liter täglich anzuheben – je nach körperlicher Aktivität und individuellem Schwitzen auch mehr.
Hydrierung beeinflusst übrigens nicht nur das körperliche Wohlbefinden, sondern auch die kognitive Leistung: Bereits eine leichte Dehydratation kann Konzentrationsfähigkeit und Stimmung messbar beeinträchtigen – ein Aspekt, der an langen Hitzetagen im Arbeitsalltag unterschätzt wird.
Was man bei Hitze besser meidet
Alkohol sollte bei Hitze weitgehend gemieden werden: Er wirkt harntreibend und erhöht das Dehydrierungsrisiko, obwohl er sich im Moment erfrischend anfühlen kann. Kaffee in moderaten Mengen ist weniger problematisch als oft behauptet – er hat eine leicht diuretische Wirkung, die bei normalem Konsum aber kaum ins Gewicht fällt. Trotzdem ist er kein Durstlöscher. Zuckerhaltige Erfrischungsgetränke stillen den Durst nur kurzfristig und liefern unnötige Kalorien, die der Stoffwechsel verarbeiten muss – dabei entsteht wieder Wärme.
Fazit: Kalt fühlt sich gut an – aber kühler wirkt besser
Eiskaltes Wasser bei großer Hitze ist kein Fehler, aber auch kein optimales Kühlmittel. Das instinktive Greifen danach ist nachvollziehbar – der kurzfristige Erfrischungseffekt im Mund ist real. Was der Körper jedoch tatsächlich braucht, um seine Körpertemperatur zu regulieren, ist eine kontinuierliche, ausreichende Flüssigkeitszufuhr in einer Temperatur, die die Schweißproduktion unterstützt statt hemmt.
Kühle Getränke zwischen 14 und 22 Grad sind dafür besser geeignet als Eiswasser. Wer das weiß, kann an heißen Tagen bewusster trinken – und erlebt vielleicht, dass die Erfrischung, die etwas weniger kalt ist, am Ende länger anhält.



